CCE-062 | Was zeigt die Praxis der Verfassung der Republik China in Taiwan?

CCE-062 | Was zeigt die Praxis der Verfassung der Republik China in Taiwan?

v1.0 | 2026-10-19

CCE-100-Projekt für staatsbürgerliche Bildung · Indexeintrag CCE-062

Was zeigt die Praxis der Verfassung der Republik China in Taiwan?

Zusammenfassung: Die 1947 in Kraft getretene Verfassung der Republik China durchlief in Taiwan drei völlig unterschiedliche Phasen: mehr als vier Jahrzehnte, in denen sie durch die Temporären Bestimmungen entleert war; mehr als ein Jahrzehnt, in dem Zusätzliche Artikel den demokratischen Übergang vorantrieben; und die Gegenwart, in der die Verfassungsorgane im demokratischen System immer wieder um Einfluss ringen. Dieser Artikel vertritt die Auffassung, dass diese Erfahrung vor allem eines am deutlichsten zeigt: Eine geschriebene Verfassung bindet die Macht nicht von selbst; ihre Wirksamkeit hängt davon ab, ob es unabhängige Institutionen gibt, die bereit sind, sie anzurufen, ob es politische Kräfte gibt, die bereit sind, für sie einen Preis zu zahlen, und ob alle Seiten dieselben Spielregeln akzeptieren.

I. Eine noch laufende Debatte

Am 19. Dezember 2025 verkündete das Verfassungsgericht das Urteil 114-Hsien-Pan-1[1][2], das die am 20. Dezember 2024 vom Legislative Yuan in dritter Lesung verabschiedeten und am 23. Januar 2025 verkündeten Änderungen des Gesetzes über das Verfahren des Verfassungsgerichts für verfassungswidrig und unwirksam erklärte[13]. Die Änderung sah vor, dass an der Beratung nicht weniger als 10 Großrichter teilnehmen und für eine Verfassungswidrigkeitsfeststellung mindestens 9 Stimmen erforderlich sein müssen[3]; zu jenem Zeitpunkt waren jedoch nur 8 Großrichter im Amt, und der Legislative Yuan hatte den vom Präsidenten vorgeschlagenen Großrichterernennungen nicht zugestimmt, sodass das Verfassungsgericht lange kein Urteil fällen konnte. Das Urteil wurde von 5 Großrichtern gefällt; es befand, die Gesetzesänderung weise „offensichtlich schwerwiegende Mängel im Gesetzgebungsverfahren” auf und verstoße gegen das Prinzip der Gewaltenteilung.

Die andere Seite beruft sich ebenfalls auf die Verfassung. Laut einem Bericht der Central News Agency vom 8. Oktober 2025 gaben die Großrichter Cai Zongzhen, Yang Huiqin und Zhu Fumei an jenem Tag eine gemeinsame Erklärung ab[5], in der sie vertraten, die Großrichter müssten „die geltenden Bestimmungen des Gesetzes über das Verfahren des Verfassungsgerichts einhalten” und das Verfassungsgericht dürfe sich „nicht auf verfassungswidrige Weise selbst ermächtigen”. Dieselbe Verfassung wird von beiden Seiten zur Begründung diametral entgegengesetzter Schlussfolgerungen herangezogen. Diese Kontroverse ist der Einstieg zum Verständnis der Verfassungspraxis.

II. Begriffe: Verfassungstext, Konstitutionalismus und „Verfassungswandel”

„Eine Verfassung haben” und „konstitutionell regieren” sind nicht dasselbe. Ersteres bedeutet, dass ein geschriebenes Grundgesetz existiert; letzteres, dass die Macht in der tatsächlichen Ausübung wirklich durch dieses Gesetz begrenzt wird — einschließlich regelmäßiger Wahlen, Gewaltenteilung und unabhängiger Normenkontrolle. Die Verfassungslehre unterscheidet ferner zwischen „Verfassungsänderung” (Änderung des Textes nach gesetzlichem Verfahren) und „Verfassungsgebung” (Erlass einer neuen Verfassung) sowie dem „Verfassungswandel”, der ohne Textänderung durch Auslegung oder Konvention die tatsächliche Funktionsweise verändert. In der Geschichte der Verfassung der Republik China in Taiwan sind alle drei Fälle aufgetreten.

III. Erste Phase: Verfassung ohne Konstitutionalismus (1948–1991)

Die Verfassung wurde am 1. Januar 1947 verkündet und trat am 25. Dezember desselben Jahres in Kraft; doch die am 10. Mai 1948 verkündeten „Temporären Bestimmungen für die Zeit der Niederschlagung der kommunistischen Rebellion” verliehen dem Präsidenten Notstandsbefugnisse in der Weise, dass sie „vorrangig vor der Verfassung anzuwenden” seien, und entzogen die Wiederwahl des Präsidenten der verfassungsmäßigen Begrenzung (diese Wiederwahlausnahme wurde bei der Änderung der Temporären Bestimmungen 1960 hinzugefügt)[7]; ab Mai 1949 galt in Taiwan das Kriegsrecht[15]. Die zentralen Volksvertreter der ersten Amtszeit wurden lange nicht neu gewählt — das „Ewig-Parlament”.

Diese Phase zeigt, dass Verfassungstexte als Symbole der Legitimität erhalten bleiben können, während sie in der Substanz ihre Bindungskraft verlieren. Bemerkenswert ist, dass die Regierenden die Verfassung nie abschafften, sondern im Namen der „Vorläufigkeit” Teile ihrer Wirksamkeit suspendierten. Diese Entscheidung lieferte später den Reformern eine Grundlage: „Zurück zur Verfassung” zu fordern, war politisch leichter durchzusetzen, als den Sturz des bestehenden Systems zu verlangen.

IV. Zweite Phase: Der demokratische Übergang durch Verfassungsänderung (1990–2005)

Der Übergang folgte nicht dem Weg einer neuen Verfassungsgebung. Die Interpretation Nr. 261 vom 21. Juni 1990[8] verlangte, dass die nicht neu gewählten zentralen Volksvertreter der ersten Amtszeit ihre Amtsbefugnisse bis Ende 1991 beendeten; am 1. Mai 1991 wurden die Temporären Bestimmungen aufgehoben und zugleich die ersten Zusätzlichen Verfassungsartikel verkündet. Nach mehreren Verfassungsänderungen wurde der Präsident fortan vom Volk direkt gewählt (erstmals 1996 angewandt), und die Befugnisse der Nationalversammlung wurden schrittweise beschnitten.

Der aufschlussreichste Fall dieser Phase war der Verfassungsänderungsbeschluss, mit dem die dritte Nationalversammlung 1999 in geheimer Abstimmung ihre eigene Amtszeit verlängerte. Am 24. März 2000 erließen die Großrichter die Interpretation Nr. 499[9], die feststellte, das Verfahren dieser Verfassungsänderung verstoße gegen den Grundsatz der Öffentlichkeit und Transparenz und weise „offensichtlich schwerwiegende Mängel” auf, und erklärte die einschlägigen Zusätzlichen Artikel für unwirksam. Eine später vom Verfassungsgericht herausgegebene englische Fallsammlung weist darauf hin, dass dies weltweit zu den wenigen Urteilen gehört, mit denen ein Verfassungs- oder Oberstes Gericht eine gesamte Verfassungsänderung für verfassungswidrig erklärte[10]. Dies zeigt: Wenn das verfassungsändernde Organ versucht, sich selbst Vorteile zu verschaffen, kann die Justiz die Grundprinzipien der Verfassung anrufen, um dem entgegenzutreten.

Die siebte Verfassungsänderung 2005 schaffte die Nationalversammlung ab; seither müssen Verfassungsänderungsanträge vom Legislative Yuan eingebracht und in einem Volksentscheid angenommen werden. Die hohe Hürde bewirkte, dass es in den folgenden zwanzig Jahren keinen weiteren erfolgreichen Fall einer Verfassungsänderung gab.

V. Dritte Phase: Der Verfassungsschutz im demokratischen System

Nach der Demokratisierung verlagerte sich der Schwerpunkt der Verfassungspraxis von der „Beendigung des Notstandssystems” hin zur „Sicherung der Grundrechte” und zur „Bearbeitung von Konflikten zwischen Staatsorganen”. Die Interpretation Nr. 748 vom 24. Mai 2017[11] stellte fest, dass das Eherechtskapitel des Zivilgesetzbuches es zwei Personen gleichen Geschlechts nicht ermöglichte, eine dauerhafte Verbindung einzugehen, und damit gegen die in Artikel 22 der Verfassung garantierte Ehefreiheit sowie das Gleichheitsrecht in Artikel 7 verstoße; sie forderte die zuständigen Organe auf, die Gesetzesänderung innerhalb von zwei Jahren abzuschließen; der Legislative Yuan verabschiedete 2019 das „Gesetz zur Umsetzung der Interpretation Nr. 748 des Justiz-Yuan”. Dieser Fall zeigt, dass die Normenkontrolle bei langjährigem Stillstand der Gesetzgebung die politischen Organe zu einer Antwort zwingen kann, während sie die Frage, „in welcher Form”, der Legislative überlässt.

Die Lahmlegung des Verfassungsgerichts 2024–2025 zeigte die andere Seite: Auch die Normenkontrolle selbst ist auf die Mitwirkung anderer Organe angewiesen. Die Ernennung der Großrichter bedarf der Zustimmung des Legislative Yuan, und das Verfahren wird vom Legislative Yuan gesetzlich geregelt. Wenn die legislative Mehrheit und die Exekutive einander gegenüberstehen, können die Arbeitsbedingungen des Verfassungsgerichts durch einfaches Gesetz verändert werden.

VI. Das Gegenargument: Die Legitimität dieser Verfassung ist selbst fragwürdig

Eine gewichtige Kritik besagt, die Verfassung der Republik China sei 1946 in Nanjing erlassen worden, die verfassungsgebenden Vertreter seien fast ausschließlich aus Festlandchina gekommen und das Volk Taiwans sei kaum beteiligt gewesen; auch ihre Gebiets- und Organkonstruktion (etwa das Fünf-Yuan-System) stimme mit dem tatsächlichen Regierungsbereich des heutigen Taiwan nicht überein. Vertreter dieser Auffassung meinen, das „Flicken” mit Zusätzlichen Artikeln könne das grundlegende Legitimitätsdefizit nicht beheben; Taiwan brauche eine neue Verfassung, erlassen von den heutigen Wählern.

Diese Kritik benennt ein reales Problem: Die Zusätzlichen Artikel gehen selbst von der Voraussetzung aus, „den Bedürfnissen vor der nationalen Vereinigung zu entsprechen”, und zwischen Verfassungstext und tatsächlicher politischer Gemeinschaft besteht tatsächlich eine Kluft. Doch der praktischen Wirkung nach vermied der Weg der Verfassungsänderung die innere Spaltung und die äußere Krise, die eine Verfassungsgebung hätte auslösen können, und hielt über dreißig Jahre hinweg mehrere friedliche Machtwechsel aufrecht. Worüber Kritiker und Befürworter streiten, ist weniger, ob die Verfassung wirksam ist, als vielmehr, ob ihre Legitimität aus historischer Kontinuität oder aus einer erneuten Ermächtigung durch das heutige Volk stammen soll. Diese Frage ist bis heute ohne Konsens.

Im aktuellen Organkonflikt vertritt eine andere Gegenposition, die gesetzliche Festlegung der Beratungsquoren durch den Legislative Yuan sei eine legitime Kontrolle der Justiz durch die demokratische Mehrheit, und höhere Hürden könnten die Legitimität von Verfassungswidrigkeitsurteilen stärken; dass 5 Großrichter die 3 nicht an der Beratung teilnehmenden Großrichter ausschlössen und selbst ein Urteil fällten, überzeuge die Gesellschaft hingegen nur schwer. Auch diese Auffassung beruft sich auf die Gewaltenteilung und lässt sich nicht schlicht als Zerstörung des Konstitutionalismus einordnen.

VII. Methodische Grenzen

Erstens lässt sich kaum quantifizieren, ob eine Verfassung „wirkt”; dieser Artikel stützt sich vor allem auf institutionelle Ereignisse wie Großrichterinterpretationen und die Geschichte der Verfassungsänderungen und behandelt die alltägliche Umsetzung verfassungsmäßiger Rechte in der Verwaltung an der Basis nur am Rande. Zweitens entwickelt sich die Kontroverse um das Verfassungsgericht seit 2024 weiter; einschlägige Urteile (etwa die in 115-Hsien-Pan-5[6] beigefügten Einzelmeinungen) zeigen anhaltende Meinungsverschiedenheiten unter den Großrichtern, sodass die Schlussfolgerungen zeitgebunden sind. Drittens stützt sich die Zitierung der Erklärung der drei Großrichter in diesem Artikel auf die Originalberichterstattung der Central News Agency[5]; die Analyse des akademischen Blogs[16] dient nur der ergänzenden Gegenprüfung.

VIII. Fazit

Die Praxis der Verfassung der Republik China in Taiwan zeigt: Die Kraft einer Verfassung liegt nicht auf dem Papier, sondern in drei Bedingungen: Es gibt eine unabhängige Justiz, die bereit ist, die Verfassung anzurufen und den politischen Preis zu tragen (Interpretationen Nr. 261, 499 und 748); es gibt politische Kräfte, die verfassungsrechtliche Entscheidungen akzeptieren (das Ausscheiden der altgedienten Vertreter 1991, die Gesetzesänderung des Legislative Yuan 2019 gemäß Interpretation Nr. 748); und alle Seiten halten an einem Grundkonsens darüber fest, „wer befugt ist zu sagen, was die Verfassung ist”. Die ersten beiden Bedingungen wurden in den 1990er-Jahren schrittweise erfüllt und machten eine lange eingefrorene Verfassung zum Rahmen des demokratischen Übergangs. Die dritte Bedingung wurde 2024–2025 einer schweren Prüfung unterzogen.

Für Beobachter stützt Taiwans Erfahrung weder die zynische Auffassung, „eine Verfassung sei nur Dekoration”, noch die optimistische Vorstellung, „in die Verfassung geschrieben bedeute gesichert”. Eine Verfassung ist ein Satz öffentlicher Regeln, der ständiger Pflege bedarf; seine Wirksamkeit hängt letztlich davon ab, ob die Beteiligten bereit sind, die Regeln selbst einzuhalten, auch wenn sie eine Auseinandersetzung verloren haben.

Quellen

Prüfprotokoll: unabhängige Prüfung durch Editorial, 2026-10-19. Ergebnis: PASS.

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